Step off this hurtling machine

A soft second serve of your fine approximations.

I believe in credit where credit is due, which is why I will only post material to which I can provide the source.

December 1, 2009 at 2:05pm
Permalink to this post


Home

Glück I

Wann man eigentlich glücklich ist, das war neulich die Frage, und welche Umstände dazu beitragen können. Wir mussten dann doch erstaunlich lange überlegen. Man vergisst ja so viel, so viel Neues möchte immer in die Köpfe, man muss wohl auslagern, gegen das Vergessen. Ich synce also mein Hirn mit dem Netz, nicht nur der Vergesslichkeit wegen, sondern weil mir die Verschriftlichung von Gedanken und deren Systematisierung insgesamt vielversprechend erscheint. Damit ich in ein paar Monaten mehr als eine vage Ahnung davon habe, wo ich war und wie ich es dort fand. Damit ich, wenn mir nach Glück ist, weiß, wo ich suchen muss.

Spuck das Gift aus Junge

Glück fand letzten Samstag statt. Es war ein Konzert der Gruppe Ja, Panik ¹. Das sind schöne Menschen aus Österreich, die uns scheinbar verstanden haben, mann merkt es wenn sie und wir zusammen “Ach verdammt, alles hin, alles Geld, alles Angst, alles hin, hin, hin” schreien. Da sind Momente. “Alles verschwindet.” Sachen, an die man sich selbst erinnert. “Und ich steh vor Deinem Haus, und ich war schon einmal da.” Sätze, die man auch so jemandem sagen möchte. “Du mit Deinen Quecksilberaugen, mit Deinem Mund aus Rauch.” Man reißt die Fäuste gen Saaldecke, wenn schon nicht selbst gesagt haben, dann wenigstens öffentlich und vehement zustimmen. Aber das ist nicht alles.

Wie es von den Häusern schallt: “es ist die eiserne Zeit.”

Es ist ein großes Glück, begeisterte Musiker beobachten zu können. Menschen, die sowohl können als auch wollen, und zwar sehr, ohne Vorbehalte, ohne Angst, ohne Allüren, die sich verausgaben, sowohl körperlich als auch inhaltlich, die sich, und das vor den meisten anderen Dingen, gehen lassen. Sich selbst und dem Lärm freien Lauf lassen. Ich musste mitgrinsen, als die beiden Gitarristen von Deerhoof letztes Jahr in Berlin auf die Bühne kamen und ihr verschmitztes Vorfreudelächeln nicht mehr unterdrücken konnten, “gleich explodiert hier alles,” ich kann mich nur freuen, wenn Ja, Panik sich ihre Instrumente umhängen und ohne Einzählen von null auf tight in sofort von Individuen zur Band werden, die einen sich auf die Lippe beißen, die Fäuste in den Taschen ballen und “ja, genau so” hauchen lassen. Ich muss es nicht mal verstehen, um mich verstanden zu fühlen. So reflektiert und eigenständig man auch durch das Leben geht, da ist Bestätigung die sich gut anfühlt. Und da ist große Freude, wenn man seine vagen Ahnungen in griffigen Parolen und geschmeidigen Reimen konkretisiert findet und sich daran festhalten kann.

Hinter mir Bomben, Tränen, Spott für jedes Wort, die Luft ist dünn, der Nebel steht mir bis zum Kinn

Oben auf der Bühne treffen sich derweil ein offenes Herz, ein kluger Kopf und viele geschickte Hände und retten für dieses Halbjahr mal wieder die Gitarrenmusik. Immer wenn man denkt dass es nur noch lahmes Indiegelusche und deutsche Texte für die man sich immer ein Bißchen mitschämen muss gibt, immer kurz bevor es zu spät ist, da taucht eine Band auf und schmeißt einen um, verleitet zum Schreien, zum Dinge und sich selbst durch die Gegend werfen, zum Entstauben der eigenen Musikinstrumente und zum Traum von eigener musikalischer Eloquenz. Wenn ich morgens aus einem Club komme, in dem elektronische Musik lief, will ich noch eine Pommes mit frischen Zwiebeln, ein großes Glas Wasser und 12 Stunden Schlaf. Wenn ich so um Mitternacht aus einem guten Konzert komme, möchte ich die Stadt umkrempeln, bin voller Energie, ich möchte es allen erzählen, das alles teilen, das auch in Menschen auslösen können, was die gerade in mir ausgelöst haben. Und so ziellos und letztlich ergebnislos dieses Gefühl auch meistens bleiben mag, ich will es nicht missen.

It’s not about me and you honey, it’s all about the Angst and the Money

Überhaupt könnte Ziellosigkeit ein zentrales Thema hier werden. Und ganz allgemein könnte Struktur ein Problem werden. Manche Einträge werden keinen Anfang haben.

1 Das aktuelle Ja, Panik-Album “The Angst and the Money” kann komplett auf der Bandseite gestreamed werden. Die Band ist auch noch eine ganze Weile auf Tour. ^

Notes

  1. stepoffthishurtlingmachine posted this